Welcome2stay – Kongress – Zusammenkunft der Bewegungen des Willkommens, der Solidarität, der Migration und des Antirassismus vom 10.-12. Juni in Leipzig


Welcome2Stay – Aufruf
Wir sind viele, Hunderttausende, vielleicht Millionen. Wir haben geklatscht und Willkommensgeschenke verteilt, als im September die ersten Züge mit Geflüchteten in Erfurt, München, Frankfurt und vielen anderen Orten ankamen. Wir haben Menschen in unseren Autos mitgenommen, manchmal über Grenzen hinweg. Wir haben unsere Wohnungen geöffnet, Unterkünfte organisiert, Unmengen von Tee gekocht, Essen verteilt und warme Kleidung besorgt. Wir beraten und vermitteln beim Kontakt mit Behörden und Institutionen. Wir suchen Wege, damit Menschen gut ankommen oder gut weiterkommen, dorthin, wo sie es möchten. Wo immer Menschen ohne Versorgung gelassen werden, ob an den Zäunen und Grenzen der Balkanroute, an den Erstaufnahmeeinrichtungen oder an den Hauptbahnhöfen, haben wir, so gut wir es konnten, dieses staatliche Versagen aufgefangen und versucht, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern.
Wir sind viele und wir sind ganz unterschiedlich. Wir sind Lehrer_innen, die unentgeltlich Deutschkurse geben. Wir sind Ärzt_innen und Krankenpfleger_innen, die Menschen ohne Papiere behandeln, Anwält_innen, die versuchen die Rechte von Geflüchteten durchzusetzen. Wir sind Hartz-IV-Empfänger_innen oder Rentner_innen, die viel Zeit investieren können, um zu organisieren, zu helfen, zu handeln. Wir sind selbst Migrant_innen, sprechen die Sprachen derer, die jetzt kommen, übersetzen und hören die Geschichten vom Krieg, von der Zerstörung, der lebensgefährlichen Flucht, den Misshandlungen, der Angst.
Wir sind erst seit wenigen Monaten aktiv oder engagieren uns schon seit Jahren und Jahrzehnten in der antirassistischen Bewegung, bei den selbstorganisierten Initiativen von Geflüchteten oder ihren Supporter_innen. Wir sind selbst Geflüchtete, erst seit kurzem in Deutschland und unterstützen jetzt jene, die nach uns kommen, ihre Ziele zu erreichen und ihre Rechte wahrzunehmen.
Wir sind viele und wir haben viele Gründe, zu tun, was wir tun. Wir tun, was getan werden muss, weil wir Menschen sind und in einer menschlichen Gesellschaft leben wollen. Wir tun es, weil wir eine Festung Europa ablehnen, vor deren Mauern die Menschen ertrinken. Wir tun es, weil wir nicht in einem Land leben wollen, das Schutzsuchende aussperrt, abschreckt und möglichst schnell wieder loswerden will. Wir tun es, weil dieses Land Veränderung braucht und es gut ist, wenn die Dinge in Bewegung kommen. Wir tun es, weil Solidarität eine Beziehung zwischen Menschen ist, die sich bei aller Verschiedenheit als Gleiche begegnen: gleich an Würde und gleich an Rechten.

Oft stoßen wir in unserer Solidaritätsarbeit an Grenzen, Grenzen unserer Leistungsfähigkeit, aber auch äußere Grenzen: Hausordnungen, Verordnungen, Gesetze, Zäune. Fassungslos müssen wir mit ansehen, dass, während wir die praktische Solidarität organisieren, in Deutschland und in ganz Europa Asylgesetze verschärft werden und dass die Grenzen, die im September so wunderbar offen waren, schrittweise wieder geschlossen werden. Wir nehmen wahr, dass Angst, Abwehr und Stimmungsmache die Diskussion in Medien und Politik beherrschen. Es entsetzt uns, dass angeblich besorgte Bürger_innen gegen Unterkünfte in ihrer Nachbarschaft mobil machen und beinahe jeden Tag Häuser in Brand gesteckt werden, während Polizei und Justiz die Geflüchteten entweder nicht schützen können oder nicht schützen wollen.
Wir sind viele, Hunderttausende, vielleicht Millionen. Aber wir sind zu leise, zu sehr damit beschäftigt, das unmittelbar Notwendige zu tun. Warum sind wir kaum in der Lage, gemeinsam unsere Stimme zu erheben? Wir sind lokal oft gut vernetzt und organisiert, aber auf der bundesweiten Ebene fast unsichtbar. Das wollen und das müssen wir ändern.

Programm – Freitag, 10.6.2016 ab 16:00 Ankommen
19:00–21.00
Panel I: Das Jahrhundert der Migration – Flucht, Grenzen, die »Willkommenskultur« und der Rechtsruck in Europa
Mit: Manuela Bojadzijev (Leuphana Universität Lüneburg), Sascha Marianna Salzmann (Gorki Theater, Berlin, angefragt), Tanja van de Loo (Recht auf Stadt – nevermindthepapers, Hamburg), Turgay Ulu (Autor, O-Platz Berlin Refugee Movement, angefragt), Moderation: Juliane Nagel (LinXXnet Thüringen)
21:00–open end Abendprogramm

Samstag, 11.6.2016 9:30–10:00 Eröffnung: Was wollen wir, was steht an, warum Welcome2Stay?
10:00–12:00
Workshops I: Flucht, Fluchtursachen und Fluchtwege
Fluchtursachen: Krieg, Handelspolitik, Rohstoffraub
Mit: Medico International, Attac-AG Globalisierung und Migration, Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung
Klimagerechtigkeit praktisch: Kohlekraftwerke und andere Fluchtursachen bekämpfen
Mit Ende Gelände, Attac AG Energie, Klima, Umwelt
Fluchtort Europa. Erfahrungsaustausch von den Fluchtrouten Europas und Projekt »Züge der Hoffnung«
Mit Refugee Support Tour Calais, Refugee Support Tour Balkanroute, Initiator_innen der Initiative »Züge der Hoffnung«, Griechenland-Solidaritäts-Komitee, Attac und Moving Europe
(Self-)organizing against the border regime
Mit Voix des migrants
Asylrecht – verschärft // Die Anhörung entscheidet
Mit RechtsanwältInnen aus Dresden
Queering the Border?
Mit Les Migras (angefragt), Gladte.V, Sabine Hess (angefragt)
Refugee Radio Network
Gemeinsam gegen Abschiebungen
Mit: Interventionistische Linke Antira-AG, Lampedusa Hanau, AHA Büren (angefragt)
Zur Reorganisation des europäischen Grenzregimes
Mit: Mario Neumann (Blockupy), Sandro Mezzadra (EuroNomade), N.N.
Wir sorgen für das Willkommen – und die Politik sorgt dafür, dass niemand kommt?
Mit Heike Hänsel (MdB DIE LINKE), Frank Tempel (MdB DIE LINKE), Karl Kopp (Pro Asyl), N.N. (Moabit Hilft), N.N. (Aktivist aus flüchtlingspolitischen Netzwerken in Deutschland)

12:00–13:30 Mittagspause
13:30–15:00
Panel II: Refugees Welcome – Autonomie der Migration und Bewegung des Willkommens
Mit: Elias Perabo (Adopt a Revolution), Miriam Edding (Watch the Med), Tresor (Voix des migrants), Diana Henniges (Moabit hilft!), Maggie (Gladt e.V., angefragt) Robert Misik (Autor und Videoblogger, Wien) Moderation: MassimoPerinelli
15:00–17:00
Workshops II: Solidarität, Hilfe, Ehrenamt
»Weil Du auch ein Arbeiter bist«? – Willkommenskultur in den Gewerkschaften: Ideen, Konzepte, Praxis
Mit: MigraR DGB/Ver.di, Union4Refugees Ver.di
Helfen als politisches Statement?
Mit: Solizentrum “Walli” Lübeck
Die Solidarität an der Macht? Im Spannungsfeld – Erfahrungen mit linken Landesregierungen und Flüchtlingshilfe
Mit: Sabine Berninger (DIE LINKE Thüringen), N.N. (Flüchtlingsrat Thüringen, angefragt), Astrid Rothe-Beinlich (Die Grüne Thüringen)
Eine Stadt für alle!
Mit: Interventionistische Linke und Sanctuary Cities Berlin
Geschichte und Gegenwart des Antiziganismus
Mit: Initiative Geschichte
Städte brauchen Menschen brauchen Raum. Soziale Zentren als Bewegung für Alle
Von: Social Center 4 All (SC4A) Leipzig. Mit: Hasi Halle, Solizentrum “Walli” Lübeck, angefragt: OM10 Göttingen, Project Shelter Frankfurt/Main und SC4A Berlin
Antirassismus in der Solidaritätsarbeit
Mit: Glokal e. V., ISD e. V. (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland)
Situation und Unterbringungskonzepte der Geflüchteten am Beispiel Leipzig
Mit: Stadt für alle Leipzig und Initiativkreis Menschenwürdig
Rassistische Mobilisierung in der Kommune: Was tun?
Mit: Kulturbüro Sachsen
Recht auf Gesundheit? Situation für Geflüchtete in der BRD und Gesundheit
Mit: Women in Exile, IL Berlin Intersol-AG
Für einen gesellschaftlichen Aufbruch gegen soziale Kälte und Rassismus. Aus den Erfahrungen der Willkommens- und Solidaritätspraxen lernen.
Mit: Petra Sitte, MdB DIE LINKE (Moderation),Tina Fritsche, Hamburg Media School / RWKaro/ Khaled Almaani, Übersetzer/Pädagogischer Betreuer Hamburg,Theo Christiansen, Kirche Hamburg-Ost

17:30–19:30
Workshops III: Soziale Rechte, Antirassismus und Politik
Kommunale Sozialpolitik in Zeiten von Austerität und Flucht
Mit: Willkommen in Lichtenberg, Susanna Karawanskij DIE LINKE Sachsen, Attac AG Kommunen
Empowerment für Flüchtlinge
Mit: FIBB (Flüchtlingsinitiative Berlin-Brandenburg)
No Border Camp Bamberg
Mit: IL Nürnberg
Vorstellung der Initative „Züge der Hoffnung“
Von: Initiatorin_innen der Initiative „Züge der Hoffnung“, Griechenland-Solidaritätskomittee, Attac
Bildung, kritische Pädagogik und interkulturelles Wissen
Mit: InterKultur Delitzsch e.V. , StreetUniverCity Berlin e.V. (angefragt), Interkunst e.V. (angefragt)
Was tun gegen den rechten Rollback?
Mit :Antifa klein-Paris Leipzig, Aufstehen gegen Rassismus, Nationalismus ist keine Alternative (Frankfurt/Köln)
Alternativen zur Abschottungspolitik der EU
Mit: Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung, TOP B3rlin (angefragt)
Wie wollen wir zukünftig gemeinsam leben?
Mit: Ökumenische Initiative Eine Welt
No Stress-Tour 2016. Music, Sports, Education, Exchange in Refugee Camps.
Mit: CISPM Allemagne
Und aus allem nix gelernt? Rassistische Gewaltwellen von den 1990er Jahren bis heute und der Umgang bei Polizei und Justiz
Mit: Martina Renner, MdB DIE LINKE, David Begrich (Miteinander e.V., Sachsen-Anhalt), Kati Lang RAV/MBR Sachsen,N.N. Initiative Keupstraße, Bruno Watara, Berlin
Für einen gesellschaftlichen Aufbruch gegen soziale Kälte und Rassismus
Ein Talk mit Katja Kipping (MdB DIE LINKE), Christos Giovonopoulos (Solidarity4All Griechendland), Lars Doneith (Union4Refugees, Ver.di), N.N. (Berlin für Alle), Moderation Caren Lay (MdB DIE LINKE)
Vernetzung unserer Bewegungen und Initiativen: Wozu, Wie, mit wem?
Mit: Vorbereitungskreis Welcome2Stay

19:30–21:00
Panel III:
In welcher Gesellschaft wollen wir leben? – Vom Willkommen zum Bleiben
Mit: Christos Giovanopoulos (Solidarity4All Griechendland), Garip Bali (Allmende, migrationspolitische Selbstorganisation), Monika Mokre (Refugee Protest Camp Vienna), Katja Kipping MdB DIE LINKE, Moderation: Silke Veth
21:00–open end: »Lange Nacht der Visionen«
Die lange Nacht der Visionen befragt eine Zukunft, deren Vergangenheit wir gegenwärtig verkörpern. Ein Orakel stellt sechs entscheidende Fragen, die von uns allen – den Vielen vor Ort – beantwortet werden können. Zwischen politischer Analyse, spontanen Gedankenblitzen und hellseherischen Fähigkeiten entstehen Klangfragmente, die sich zu einer Vision einer zukünftig zu gewinnenden Gesellschaft zusammenfügen.

Sonntag, 12.6.2016 10:00–13:00
Abschlussversammlung: Visionen, Vernetzung, politische Perspektiven, was tun wir?

Sonstiges:
Open Space für spontane Workshops und Diskussionen, Kulturprogramm, Infostände, Büchertische, Ausstellungen
Kongress-Radio von Refugee Radio Network
Ausstellungen
»Die verschwiegenen Toten – Opfer rechter Gewalt in Leipzig« (Rassismus tötet!), »Ein vergessenes Kapitel der Geschichte – die 3. Welt im 2. Weltkrieg« (3www2), »Versagen mit System – eine Ausstellung zu Geschichte und Wirken des Verfassungsschutzes« (Engagierte Wissenschaft), Fotoausstellung des Leipziger Fotografen Sylvio Hoffmann über Rojava und die Balkanroute, »Take metoJermany« (Charlott Schmitz), Lampedusa in Hanau
Kultur
International ChangingPerspectives Short Film Festival (Katadrom Istanbul), Bühne für Menschenrechte »Asyl Dialoge«, »Lebenslaute Musikalische Unterstützung«, Lesung von Christian Jakob, Filmvorführung Myescape, „Der Kuaför aus der Keupstraße“
Infostände
Social Center 4 all, Engagiert für Geflüchtete, Amnesty International, WatchTheMed Alarm Phone, union4refugees, Lebensmittel retten, Willkommen in Magdeburg Stadtfeld, Ifg Stuttgart, Ankommen, Bon courage, Amnesty Hochschulgruppe Leipzig, ISW – Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung, Refugee Support Tour, mosaik Leipzig, Attac Deutschland, DIE LINKE